Kindergeschichte Ester und TeddyEine Geschichte entsteht

Es beginnt alles mit ein paar Ideen und einer MindMap, um diese zu arrangieren. Personen, Orte, Handlungsansätze, Dialogfetzen. Erste Szenen entstehen. Alles nimmt seinen Lauf. Jetzt mit Illustrationen von Udo Mertens.

Ester langweilt sich: Es sind Ferien und alle ihre Freundinnen sind verreist. Da ihre Familie keine Zeit hat, mit ihr in Urlaub zu fahren, nimmt sie die Sache selbst in die Hand. Verfolgen Sie selbst die Schritte von der Planung dieses Kinderbuchs über den Punkt, wo sich alles verselbständigt, bis hin zur Finalisierung des Textes…

Textauszug: Das seltsame Sturmbergen

„Ester, das ist Dr. Robbe“, piepste die Frauenstimme.

„Ah, noch so ein kleiner Erdenwurm“, sagte dieser erfreut. Dann blickte er ernst zu Teddy. „Aber Tiere sind hier nicht erlaubt“ sprach er streng, nur um Augenblicke später in lautes, wieherndes Gelächter über seinen eigenen Witz auszubrechen.

Teddy brummte und keiner wusste, ob amüsiert oder verärgert. Ester musste wieder niesen.

„Aha“, sagte Dr. Robbe fachmännisch und deutete gleich hinüber auf ein Regal. „Meinen Koffer bitte, Frau Jähmlich.“

Die Piepsstimme tat, wie sie geheißen ward, und brachte dem Doktor eilfertig den gar nicht so leichten Koffer.

„Aufmachen“, befahl er. Sie tat es. „Das Stethoskop.“ Sie setzte es ihm an.

„Halt es Dir auf die Brust“ kommandierte er Ester und auch die traute sich nicht, ihm zu widersprechen. Sie zog ihr Hemd hoch und hielt sich das eiskalte Stethoskop auf die Brust.

„Und nun darf ich um absolute Ruhe bitten“, sagte Robbe mit strengem Blick auf die kleine Emma, die langsam unruhig zu knottern begann.

Ester musste plötzlich lachen und wenig später fiel ihr auch ein, warum: Das war genau der Satz, den im letzten Herbst der Zirkusdirektor feierlich zelebriert hatte, als die Artisten sich aufs Hochseil begaben. Sie stellte sich Dr. Robbe vor, wie er weit oben in einer Zirkuskuppel auf dem Hochseil balancierte. Hatschi!

 

Textauszug: Eine Zugfahrt, die ist lustig

Eulenburg

Eulenburg

„Errwachet! Errwachet!“, kreischte der Papagei mit den ersten Sonnenstrahlen in Esters Ohr. Teddy wollte es nicht glauben. Er war doch noch sooo müde und dieser nervige Vogel hüpfte aufgeregt auf und ab wie eine Wachtel beim Hochzeitstanz. Er brummte gereizt.

„Streitet euch nicht“, sagte Ester versöhnlich und gleichzeitig resolut, „ihr seid ab jetzt Reisegefährten. Wir werden gemeinsame Abenteuer zu bestehen haben. Da können wir uns solche Aversionen nicht leisten.“ Sie war ziemlich stolz auf dieses Wort, das sie vorige Woche von ihrem Onkel selbst zum ersten Mal gehört hatte. Und es verfehlte seine Wirkung nicht. Keiner wagte etwas dagegen zu sagen, denn es klang sehr vernünftig und irgendwie erwachsen. Ester streckte und reckte sich und bemerkte erst jetzt, dass sie tatsächlich alle zusammen in einem Hundekorb übernachtet hatten. „Ein Abenteuer haben wir nach dieser Nacht ja schon hinter uns“, lachte sie vergnügt. Sie schaute sich um. Der Schankraum lag im morgendlichen Dämmerlicht in gespenstischer Stille. Alles war sehr sauber aufgeräumt. Es war, als ob der gestrige Abend mit all seinem Tamtam nie stattgefunden hätte. Da fiel ihr plötzlich etwas auf: Ein gefalteter Zettel lag in dem Korb. Und auf dem Zettel hatte jemand ein kleines hölzernes Kästchen deponiert. Sie nahm sich beides vor, las aber zuerst den Zettel. Es war die Schrift eines Lehrers: „Liebe Ester! Dein Mut hat uns alle sehr beeindruckt. Für Deine weitere Reise wünschen wir Dir alles Gute und geben Dir diesen Ratgeber mit auf den Weg – er wird Dir (hoffentlich) immer die richtige Richtung weisen.“

Ester klappte das Holzkästchen auf. So etwas hatte sie schon einmal gesehen: ein Kompass! Aber halt – etwas unterschied dieses Exemplar ganz klar von den anderen, die sie bisher gesehen hatte. Er hatte sehr kleine Arme statt einer Kompassnadel, der Drehpunkt sah aus wie eine Nase und auch Mund und Augen fehlten nicht. Dafür waren auf dem Blatt keine Himmelsrichtungen markiert. „Na endlich“, klang es nörgelnd aus dem Kästchen. „Ich dachte schon, ich müsste hier drin verschimmeln. Das ist doch kein Leben für einen Kompass! Ich muss doch die Richtung weisen.“ Die kleinen Augen funkelten Ester kritisch an. „Soll ich Dir den Weg weisen? Ach was, natürlich werde ich Dir den Weg weisen.“

Teddy

Ester kam sich überrumpelt vor. Und sie war sich nicht sicher, ob sie noch so einen Exzentriker in ihrer Reisegruppe verkraftete. Das kleine Ärmchen streckte seinen Zeigefinger aus, begann sich in der Nase zu bohren, betrachtete dann interessiert die Fingerkuppe und bekam schließlich einen ausgiebigen Lachanfall. „Schließt die Luken! Schließt die Luken!“, plärrte da der Papagei. Ester war geneigt, ihm Folge zu leisten. Doch der Kompass ergriff sofort die Gegeninitiative. „Auf zum Bahnhof“, lautete seine lapidare Anweisung. Teddy brummte. Irgendwie gefiel ihm die Sache nicht. Zuerst beendete ein zerzauster Papagei unsanft seine Nachtruhe und dann übernahm auch noch ein größenwahnsinniger Kompass das Kommando über ihre Aktivitäten. Er fragte sich besorgt, was wohl in der nächsten Zeit noch alles passieren würde.