Ausstellung auf der Mathildenhöhe in Darmstadt
Als ich die Notiz zur Ausstellung auf der Darmstädter Mathildenhöhe gelesen hatte, gab es keinen Zweifel: Ein Besuch dort gehörte zum Pflichtprogramm für Kunst- und Fotografieinteressierte, ‘no matter how high the temperatures are’. Gursky, der Shootingstar der Fotografie. Stockhausen, der Umstrittene. Es ist Ende Juli.
Der nächste lange Donnerstag gehört Gursky/Ottersbach/Stockhausen! Und wie jeder Besuch der Mathildenhöhe beginnt auch dieser mit der interaktiven Klärung der P-Frage (->Parkplatz), die schließlich doch noch einvernehmlich zwischen den Fußfaulen und Rechtskonformen gelöst werden kann. Es empfielt sich, mit einem älteren, Kleinwagen anzureisen. Erinnerungen an die verflossenen Studientage werden wach.
Man atmet die Atmosphäre des Jugendstil quasi beim Öffnen der Wagentür, Joseph Maria Olbrich scheint nur kurz verreist. Sein Geist ist allgegenwärtig. In Wirklichkeit aber ist es sein 100. Todestag dieses Jahr, am 08. August. Die österreichische Post widmet ihm zumindest eine Sondermarke. Kaum zu glauben, dass es einer meiner Begleiter heute das erste Mal hierher geschafft hat. Wie zu erwarten war, ist er schier überwältigt von dem Ensemble der Bauwerke und Anlagen, dem Fünffingerturm, dem Platanenhain und der russichen Kapelle als wir um die Ecke biegen. Nicht umsonst nennt man das Ensemble „Stadtkrone“.
Eine Ausstellung unter dem thematischen Dach der Architektur ist hier bestens aufgehoben. Nachdem wir draußen beim Aufstieg über die Treppen ein halbnacktes Faktotum beim abendlichen Sonnenbad passiert haben, entrichten wir unseren Obolus bei einer streng blickenden Dame, um im ersten Raum der Gursky-Ausstellung von einer noch strenger blickenden Dame empfangen zu werden, die mit strengsten Blicken den Fotoapparate meines Freundes taxiert. Meiner ist zum Glück besser getarnt, Udo bekommt als Trostpflaster begleitend zu ihrer Belehrung ein Informationsblatt zur Ausstellung und den Werken.
Im ersten Raum ist mit „Uni Bochum“ auch eines der früheren Werke Gurskys zu sehen. Man fühlt sich an die Geälde der griechischen Philosophenschule erinnert. Kann hier der Blick noch auf einzelne Personen fallen, so verschwindet dieser Aspekt in den folgenden Fotos zur Gänze. Die Totale wird das bestimmende Element. Monumentale Fotos werden digital noch weiter monumentalisiert und zu riesigen Ansichten montiert, wie bei „Montparnasse“ aus dem Jahr 1993, wo ein Wohnungetüm von einem Gebäude wahrhaft verbildlicht wird. Der Mensch geht unter in der Hightech-Welt des Andreas Gursky, schon rein optisch. In der teuersten Fotografie aller Zeiten, „99 Cent“ (1999), wo die Waren in einem Supermarkt beinahe abstrake Muster bilden oder auch in Kamiokande (2007) aus dem Inneren de Super-Kamiokande, in der sich bei näherem Hinsehen Menschen in winzigen Gummibooten fortbewegen. Und ja, Gurskys Werke sind politisch, beabsichtigt oder nicht. Ein Gesamtkunstwerk ergibt sich später vor dem Bild „Prada II“ von 1997, vor dem eine Besuchergruppe ihrer Führerin lauscht, welche mit ihrem Kleid farblich und kompositorisch völlig in der hinter ihr befindlichen Fotografie aufgeht. Die Ausstellungsmacher haben sich schon einiges einfallen lassen.
Nächster Trakt. Das Werk von Heribert C. Ottersbach bleibt uns leider allen dreien fremd. Teilweise digital veränderte Architektur-Fotografien wurden malerisch bearbeitet und überarbeitet und wirken auf uns einzig in ihrer Sterilität. Die skurillen / ironischen Titel verstärken diesen Eindruck. Das schmissige Motto dahinter heisst „Die Bühne abbauen, die Requisiten rausschmeißen und die Protagonisten in Rente schicken“. Der Habitus, die Ausführung, das Kalte & Sozialistische in seinen Motiven und Farben, die resultierende Ratlosigkeit verkürzt den Besuch dieser beiden Räume soweit, als es unser Respekt vor der streng blickenden Dame am Empfang zulässt. Die Rezeption von Kunst ist eben höchst subjektiv.
Doch das Highlight steht noch bevor. Unauffällig fädle ich mich hinter zwei Damen ein, die sich gerade mit einer ausnahmsweise gar nicht streng blickenden Mittfünfzigerin in Richtung Wasserreservoir aufgemacht haben. Die Führerin freut sich über das Interesse am Künstler und der Architektur, in die wir nun eingelassen werden. Zwei Reihen Gummistiefel stehen in der Mitte des Raumes versammelt, mit Aufklebern, die ihre Größe signalisieren. Wir nehmen Platz auf den Sitzbänken, tauschen unser Schuhwerk Hygienebeutel und Gummistiefel. Dann wagen wir den Abstieg in die Dunkelheit, wo das Wasser knöcheltief steht. Wir wandeln auf einem nassen Klangteppich, zwischen Schall- und Schattenzonen des Tongewölbes. Zitat Stockhausen: „Die Zeit ist aufgehoben. Man horcht ins Innere des Klanges, ins Innere des harmonischen Spektrums, ins Innere eines Vokales, ins Innere. Feinste Schwebungen – kaum Ausbrüche – alle Sinne sind wach und ruhig. In der Schönheit des Sinnlichen leuchtet die Schönheit des Ewigen.“
Wir horchen ins Innere des Klanges im Halbdunkel des Reservoirs, in dessem phantastischen Klangraum sich die Musik mit den Klängen der Stiefel im Wassers mischt. Man kann ihm nicht widersprechen. Gursky/Ottersbach/Stockhausen wird zu einem übergreifenden Ensemble. Gott sei Dank kann man auch oben, nach Verlassen des Reservoirs und der Ausstellung in der drohenden Trivialität noch ein Weilchen im Schatten der Stadtkrone wandeln. War das nicht doch eben Olbrich, dort unten im Kreise der Boulespieler? Zeit für die Heimfahrt.
→Mehr Infos zur Ausstellung: http://www.mathildenhoehe.info
