Totgesagte leben bekanntlich länger. Und totgesagt war der Solmser Kamerahersteller, der in den letzten Jahren durch den Siegeszug der Digitaltechnik in der Fotografie und einige turbulente Managementwechsel arg gebeutelt wurde, schon oft. Der zu späte Einstieg in die Digitalfotografie hätte die Traditionsmarke fast ihre Existenz gekostet. Der Erwartungsdruck, der folglich auf den Produkten lag, mit denen Leica nun - immer wieder mit Verzögerungen - auf den Markt kam, war hoch und nicht immer wurde das Ergebnis der Erwartungshaltung der anspruchsvollen Kundschaft und der hämischen Beobachter gerecht. Letztlich wurde das Digitalmodul R aber doch ausverkauft und die M8, die erste digitale M-Kamera verkaufte sich. Wie gut, darüber darf spekuliert werden. Über ihre Bewertung streiten sich die Experten.
In der letzten Zeit macht Leica wieder verstärkt von sich reden - nicht durch besondere Produkte allerdings, sondern durch spektakuläre Verkaufsaktionen. Die letzten Noctilux-Objektive werden für die horrende Summe von 10.000 Euro in einer Humidor-Kiste an den Mann gebracht und das erste Exemplar der M8 wandert in einem Auktionshaus unter den Hammer. Für einen guten Zweck zwar (der Erlös geht an die Organisation “Reporter ohne Grenzen”), aber auch hier fühlt man sich eher an eine Kunstauktion denn an einen Warenverkauf erinnert. Gewisse Parallelen drängen sich durchaus auf, denn auch am Kunstmarkt hat man preislich offenbar inzwischen jeden Bezug zur Realität verloren. Und ich würde eine Wette abschließen, dass mir in den nächsten Jahren niemand über den Weg läuft, der seine Humidor-Kiste in der Kameratasche spazieren trägt, für den Fall, dass er das darin schlummernde Objektiv tatsächlich zum Fotografieren benutzen möchte. Leider habe ich aber noch niemanden gefunden, der dagegen wetten will. Irgendwie ist das alles ein bisschen surreal.
Leica: War das nicht die Firma, die einst diese wunderbar unauffälligen Reportagekameras gebaut hat, denen sich so ziemlich alle berühmten Fotografen ihrer Zeit bedienten? War Henri Cartier-Bresson nicht “der Mann hinter der Leica”? Haben diese Kameras nicht in unzähligen Reportageeinsätzen selbst unter widrigsten Bedingungen ihre Praxistauglichkeit bewiesen? War Leica damals nicht der Vordenker der Branche, der seinen Ruf durch Innovation und hervorragende Qualität begründete?
Das derzeitige Agieren der Solmser zeigt auf bedrückende Weise, wie sehr Leica heute hauptsächlich vom Ruhm der Vergangenheit lebt. Die technische Kooperation mit Panasonic hat einige schöne Produkte hervorgebracht, aber solche, die vielleicht besser ins technikverliebte Portfolio einer Panasonic passen als in das von Leica. Oder? Welcher Vision folgt Leica in den letzten Jahren und aktuell? Überragende fotografische Werkzeuge können das Leitbild nicht (immer) sein, denn schaut man sich beispielsweise eine V-LUX oder C-LUX an, so sind diese in Punkto Bildqualität mit all den bekannten Makeln der Panasonic-Entwicklungen behaftet und noch dazu beinahe baugleich von Panasonic um einiges billiger zu haben.
Sicher, es ist schwierig, in einem mittlerweile beinahe unüberschaubaren Wust an Fotoapparaten unterschiedlichster Bauarten und immer schnelleren Produktwechselzyklen die “richtigen” Produkte auf den Markt zu bringen (und zu verkaufen, ein vielleicht etwas unterschätzter Faktor in dieser Betrachtung). Gegen die Konkurrenz von Konzernen wie Canon, Nikon oder Sony.
Selbst wer klein, aber gut ist, wird am Ende gelegentlich nur noch zum Übernahmekandidaten.
Man möge mich nicht falsch verstehen: Berühmte Magnum-Aufnahmen und unvergessene Schwarzweiss-Portaits bestimmen auch mein Bild von Leica, immer noch. Aber es wird Zeit, dass der Traditionshersteller wieder zu sich selbst findet und sich im Kontext der veränderten Zeiten neu erfindet. Denn ohne ein konkretes Leitbild und daraus resultierende tragfähige Produktlinien wird der Rest des Ruhms womöglich bald verblasst sein. Und dass man Leica bald nur noch sammelt wie Whiskys, deren Destillerien bereits seit Jahren geschlossen sind, das wäre doch sehr traurig.



